Beziehungen sind komplex. Seien es Freund*innenschaften, Austausch unter Arbeitskolleg*innen und vor allem Paarbeziehungen, in denen noch Verliebtheit und Liebe dazukommen, sind mit den richtigen Menschen einfach und gleichzeitig immer noch Arbeit. Alte Traumata, schlechte Erfahrungen und vielleicht mangelnde Bindung zu den Eltern wirken sich auf das Zusammensein mit einem anderen Menschen aus. Welche Besonderheiten es in neurodivergenten Beziehungen gibt, möchten wir in diesem Artikel beleuchten.
Der Begriff „Beziehung“ und die unterschiedlichen Formen
Wie zu Anfang schon erwähnt widmen wir uns hier mehreren Beziehungsformen, die Menschen haben können. In seinem Leben hat ein Mensch viele Beziehungen, die alle Unterschiedlich sind. Die ersten zwischenmenschlichen Verbindungen entstehen zu den Eltern und engeren Familie wie Geschwister oder Großeltern, um die sich in den ersten Lebensjahren die Welt des Kindes dreht.
Spätestens im Kindergarten erweitert sich der Personenkreis um gleichaltrige Freund*innen. Mit diesen sind andere Dinge wichtig, als in der Familie. Während die Eltern dem Kind Grundbedürfnisse wie Nahrung, einen Platz zum Schlafen und im Idealfall emotionale Sicherheit geben, stillen Freund*innen zwar auch das Bedürfnis nach Anerkennung und Gemeinsamkeit, aber in anderen Bereichen als die Eltern. Erwachsene spielen anders als Kinder und haben vielleicht andere Interessen. Mit Gleichaltrigen kann dies ausgelebt werden, wobei das Kind lernt, dass es sich auch mit anderen Menschen als der Familie sicher fühlen kann. Je nach Lebenssituation fühlt es sich sogar bei Freund*innen sicherer als zu Hause.

Später im Leben kommen für viele Menschen auch noch die Beziehungen zu Arbeitskolleg*innen und Partner*innenschaften hinzu, die wieder ganz andere (Rahmen-)Bedingungen mitbringen, als die vorgenannten Formen. Auf der Arbeit kann es freundschaftlich zugehen, oft bleiben die Kontakte aber oberflächlicher und eher auf die Sache der Arbeit beschränkt. Gefühle werden natürlich auch ausgetauscht („Mit XY arbeite ich gerne zusammen“, „Kolleg*in ABC mag ich nicht“), jedoch ist hierfür in der Regel viel weniger Raum da, was ganz eigene Herausforderungen und Probleme mit sich bringt.
In einer Partner*innenschaft sind das Teilen von Gefühlen, eine mehr oder weniger gemeinsame Lebensführung und Ziele wichtig. Sie gleichen eher Freund*innenschaften, wobei hier meistens noch Verliebtheit/Liebe und Sexualität hinzukommen, es soll eine tiefe Verbundenheit zustande kommen.
Besonderheiten und Tipps für neurodivergente Beziehungen
Die Kontaktaufnahme
Der Beziehungsaufbau und auch die langfristige Aufrechterhaltung von Beziehungen ist komplex, das gilt sowohl für neurotypische als auch neurodivergente Menschen. Allerdings verstehen erstere oft implizite Aufforderungen und Regeln viel leichter als neurodivergente Menschen und haben es deshalb etwas leichter sich in der Gesellschaft zurecht zu finden.
Gerade für Autist*innen kann es schwer sein neue Kontakte zu knüpfen, da dieser erste Schritt für sie schon tendenziell anders funktioniert, als für den Rest der Gesellschaft. Autist*innen verbinden sich leichter über die Sachebene mit anderen Menschen, das heißt, sie unterhalten sich zumindest am Anfang lieber über klar benennbare Dinge wie Hobbies als über Klatsch und Tratsch oder andere Small-Talk-Themen. Auch Augenkontakt, der in persönlichen Begegnungen sehr häufig die erste Kontaktaufnahme zwischen zwei Menschen ist, fällt vielen Autist*innen schwer. Um solche Details lässt sich die Aufzählung noch um einiges erweitern.

Neurodivergentes Erleben während des Gesprächs
Ist die Kontaktaufnahme geglückt und es hat sich ein Gespräch entwickelt, stehen Autist*innen vor dem nächsten Problem: Wann darf ich reden? Welche Gesprächsthemen sind gerade angemessen? Neurotypische Menschen machen das meist ganz intuitiv, neurodivergente Personen müssen aktiver darüber nachdenken. Das ist natürlich anstrengend, da die Aufmerksamkeit zwischen dem oder der Gesprächspartner*in und den eigenen Gedanken wandert.
Gerade in unruhigen Umgebungen, wo vielleicht Musik gespielt wird oder weitere Gespräche stattfinden, kommt es dann schnell zu Überforderung und Überreizung. Autistische Gehirne verarbeiten Reize anders, Umgebungsgeräusche werden schlechter herausgefiltert, die Deutung von Gesichtsausdrücken fällt schwerer. Im ungünstigsten Fall stoßen sie auf Unverständnis, wenn sie darum bitten die Unterhaltung an einem ruhigeren Ort fortzusetzen oder sich ausruhen wollen. Hier ist es wichtig, dass autistische Menschen gut auf sich achtgeben und solche Situationen aufklären oder weggehen.
Der Druck sich in der Gesellschaft anpassen zu müssen ist hoch, Selbstfürsorge durch Rückzug und Erholung ist unabdingbar. Freund*innen oder Lebenspartner*innen zu finden, die diesen Wunsch nach Ruhe respektieren kann eine Herausforderung sein. Eine klare Kommunikation über die eigenen Bedürfnisse ist ein wichtiger Schritt hin zu einem respektvollen Miteinander.
Kreativität und Wertschätzung in Paarbeziehungen
Gerade in Paarbeziehungen, die gesellschaftlich immer noch mit bestimmten Erwartungen wie dem Zusammenleben in einer Wohnung und dem Schlafen in einem gemeinsamen Bett verknüpft sind, braucht es eine gute und klare Kommunikation über die Bedürfnisse aller Beteiligter. Es darf ausprobiert werden, was klappt und was nicht. Ein Paar muss nicht zusammen in einer Wohnung wohnen. Man kann auch wunderbar getrennt leben und dabei eine innige Beziehung führen. Vielleicht ist die Beziehung genau aus dem Grund enger, eben weil die Möglichkeit zum Rückzug besteht und es deshalb weniger Konflikte und mehr Raum für gegenseitiges Verständnis gibt.

Krankheiten neben dem Autismus
Ist ein Mensch im Autismusspektrum, wirkt sich nicht nur diese Form der Neurodivergenz auf das Zusammensein mit anderen Menschen aus. Oft bringt eine Diagnose weitere Erkrankungen mit sich. Autist*innen bekommen aufgrund der teilweise restriktiven und unnachgiebigen gesellschaftlichen Regeln überdurchschnittlich häufig auch Depressionen, Angststörungen und Traumata ab. Hieraus ergeben sich wieder eigene Probleme mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Es fühlt sich wie ein endloser Kampf gegen viele kleine Feuer an, die alle gelöscht werden wollen. Glücklicherweise wächst langsam aber stetig das Bewusstsein für psychische Erkrankungen und es ist leichter Hilfe und Verständnis zu finden.
Abgrenzung
Sollte es Trotz aller Bemühungen auf einander zuzugehen dennoch an Verständnis und Wertschätzung mangeln, weil eine der Personen das nicht aufbringen kann, oder keine Lust dazu hat, darf die Freund*innenschaft oder Bekanntschaft oberflächlich bleiben oder auch ganz beendet werden. Manchmal passen zwei Menschen einfach nicht zueinander, auch wenn es am Anfang vielversprechend aussah. Ein guter Hinweis darauf, dass es nicht passt, kann die Einseitigkeit von Kontaktaufnahme und Verständnis sein. Eine Beziehung sollte niemals eine Einbahnstraße sein, in der nur eine Person auf die andere zugeht und im Gegenzug keine Wärme zurückbekommt.
Fazit
Nun haben wir festgestellt, dass neurodivergente Menschen anders Beziehungen aufbauen und unter Umständen andere Bedürfnisse haben, als neurotypische Personen. Sind Autist*innen nun dazu verdammt alleine und unverstanden zu bleiben? Definitiv nicht. Autistische Menschen verstehen sich untereinander aufgrund eigener Erfahrungen mit unkonventionellen Kommunikationsmustern oft viel leichter. Selbstverständlich gibt es auch verständnisvolle neurotypische Menschen, die gerne bereit sind sich anzupassen und den Erlebenswelten anderer gegenüber offen sind. Alleine die Bemühung sich gegenseitig zu verstehen kann eine Beziehung sehr weit tragen.
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