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Gegen den Strom: Berufswahl für Autist*innen

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In diesem Beitrag möchten wir dir gerne Denkanstöße geben, die dir helfen einen passenden Beruf für dich auszuwählen. In erster Linie wollen wir jungen Menschen Mut machen, die noch gar keine Idee haben welchen Beruf sie später ergreifen werden und/oder Angst vor einer falschen Entscheidung haben. Ebenso freuen wir uns selbstverständlich, wenn sich Menschen hier Anregungen holen, aber festgestellt haben, dass ihr aktueller Beruf sie nicht erfüllt und gerne etwas anderes tun wollen.

Lass dir Zeit

Unser erster und wichtigster Tipp: Mach dir keinen Druck sofort den besten und perfekt passenden Beruf für dich zu finden. Das kann passieren, jedoch gibt es viele Menschen, die das nicht auf Anhieb für sich herausfinden. Das liegt zum einen daran, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens immer besser kennenlernen und in einem jüngeren Alter vielleicht noch nicht so gut wissen, was ihnen wirklich liegt, als einige Jahre später. Zudem verändern sich Vorlieben, was dir heute gefällt, muss dir nicht in ein paar Jahren immer noch gefallen.
Zum anderen entwickeln sich Autist*innen oft etwas langsamer als neurotypische Personen. Allein deswegen ist empfehlenswert sich die nötige Zeit für diese Entscheidung nehmen. Natürlich kommt es auch bei neurotypischen Personen vor, dass sie nach einiger Zeit feststellen, dass der ursprünglich gewählte Beruf aus den unterschiedlichsten Gründen nicht, oder nicht mehr, passt.

Ein junger Mensch erfährt im besten Fall noch die Unterstützung der Eltern und sei es nur, dass er im Elternhaus kostenfrei wohnen kann, was im Vergleich zu einer eigenen Wohnung eine große finanzielle Entlastung darstellt. Sollte durch die Eltern keine oder zu wenig Unterstützung möglich sein, kannst du vom Staat finanziell unterstützt werden. Einige der Optionen für Förderungen stellen wir gerade in einem weiteren Blogbeitrag zusammen. In diesem wirst du auch Möglichkeiten finden, wie du im Job gefördert werden kannst. Du kannst dir also ruhig etwas mehr Zeit lassen, solltest du noch unsicher bezüglich der Berufswahl sein. Stelle Recherchen an und nimm beispielsweise unbezahlte Praktika an um auszuprobieren, ob ein Beruf zu dir passt.

Hobbies als Startpunkt

Generell kannst du am Beginn der Überlegungen zur Berufswahl von deinen Freizeitinteressen ausgehen. Du kannst in dich hineinhorchen oder vielleicht auch schon in den Ferien oder Wochenenden ausprobieren, ob du eine bestimmte Tätigkeit immer noch gerne ausübst, wenn die Vorgabe es zu tun existiert und auch die Notwendigkeit es für längere Zeit am Tag auszuüben, statt nur zwischendurch zum Spaß. Bitte achte hierbei darauf, dir dadurch nicht den Spaß an deinen Hobbies zu verleiden. Sobald du merkst, dass du den Spaß verlierst, beende den Test und lass dein Hobby wieder Hobby sein.

Du kannst dich auch fragen, was genau dir an deinen Hobbies Spaß macht. Versuche dabei auch an eher unscheinbare Dinge zu denken, wie Detailgenauigkeit, Ordnungssinn, sich wiederholende Tätigkeiten und so weiter. Diese und andere Eigenschaften eines Jobs werden leicht vergessen, beeinflussen aber stark wie du deinen Arbeitsalltag erlebst und ob du Freude an der Tätigkeit hast. Erkunde, was dir Spaß macht und in welchen Berufsfeldern du das anwenden kannst.
Ist es beispielsweise das Lernen neuer Dinge oder die Rückkehr zu einer vertrauten Tätigkeit? Machen dir sich wiederholende oder detailverliebte Aufgaben Spaß? Betätigst du dich gern körperlich und brauchst das für dein Wohlbefinden? Strebst du zum Beispiel an, in einem Labor für chemische Analysen zu arbeiten, sollte dir Zeitdruck wenig Probleme machen und es werden Genauigkeit und Präzision verlangt. In einem Blumenladen sind dafür andere Qualitäten gefragt, wie der Sinn für die ästhetische Anordnung von Blumen in einem Gesteck.

Mann recherchiert mithilfe eines Laptops und Buches

Tiefenrecherche

Versuche so viel wie möglich über einen Beruf herauszufinden und zwar nicht nur, was ganz offensichtlich ist, sondern auch was nicht auf den ersten Blick ins Auge springt. Zum Beispiel müssen Tierpfleger in einem Zoo nicht nur das Gehege ihrer Schützlinge säubern und ihnen Futter zubereiten, sondern vielleicht auch mit den Zoobesuchern reden und sei es nur um genug Platz zu haben, um mit der Schubkarre durch einen schmalen Gang zu kommen. Außerdem gibt es im Zoo viele Gerüche durch die Tiere und deren Futterzubereitung. Auch wenn du Tiere sehr süß findest und gerne mit ihnen Umgang hast, aber intensive Gerüche dich belasten, solltest du dir überlegen, ob das der richtige Beruf für dich ist.
Du kannst natürlich auch nach einem Kompromiss suchen und schauen, welche Tiere du versorgen kannst, die für deine Nase aushaltbar sind. Dieses Beispiel kannst du auf unterschiedliche Berufe übertragen. In einer Tischlerei ist es durch die Maschinen sehr laut, aber du musst dort durch gesetzliche Vorgaben ohnehin einen Gehörschutz tragen, vielleicht ist das schon das kleine Detail, das ausreicht um in deinem Traumjob arbeiten zu können.

Welche Berufsbilder gibt es?

Eine große Herausforderung ist außerdem erst einmal herauszufinden welche Berufe es überhaupt gibt, da es einige sehr unbekannte Berufe gibt und eine Ausbildung auch für Berufe qualifizieren kann, die du vorher gar nicht auf dem Schirm hattest. Die Agentur für Arbeit hat eine große Datenbank über Berufe, aber diese kann natürlich nicht alle Berufe der Welt abdecken. Deshalb kann es hilfreich sein, Stellenanzeigen anzuschauen, sei es in der Zeitung oder bei Stellenbörsen im Internet. Hier kannst du herausfinden, für welche Tätigkeiten welche Qualifikationen (betriebliche Ausbildung, Studium, bestimmte Fortbildungen, usw.) erforderlich sind und bekommst so ein Bild darüber in welcher Region welche Betriebe angesiedelt sind.

Arbeitskultur

Außerdem ist erwähnenswert, dass unterschiedliche Berufsfelder unterschiedliche Kulturen und sozialen Umgang mit sich bringen. Das Handwerk ist berüchtigt für einen harten Umgangston. Das trifft natürlich nicht auf alle Betriebe zu, denn das Arbeitsklima wird maßgeblich von den Mitarbeitenden und Vorgesetzten bestimmt. Berücksichtigen solltest du diesen Punkt dennoch, die Wahrscheinlichkeit bestimmte Verhaltensweisen anzutreffen ist natürlich größer, wenn du dich in ein Umfeld begibst, das diese fördert oder Menschen anzieht, die diese von vornherein mit sich bringen.

Frau unterhält sich mit mehreren Kolleg*innen oder Kund*innen.

Soziale Kontakte im beruflichen Alltag

Ein wichtiger Punkt für Autist*innen ist oft, ob sie in einem Beruf viel Kontakt zu anderen Menschen haben, seien es Kund*innen oder Mitarbeitende aus anderen Abteilungen oder Firmen. Es ist durchaus möglich, dass ein autistischer Mensch einen Job hat, in dem viel Menschenkontakt stattfindet, dazu müssen nur andere Rahmenbedingungen wieder ganz genau passen.
Überlege dir beispielsweise in welchem Umfang du soziale Kontakte haben möchtest. Bist du kontaktfreudig und gerne unter vielen Menschen, kann dir eine Tätigkeit im Verkauf sogar Spaß machen. Achte dabei auf deine persönlichen Grenzen, wie lange am Stück du das leisten kannst, bis du eine Pause brauchst. Du kannst das mit deinen Vorgesetzten absprechen und/oder in Teilzeit arbeiten, damit du genügend Zeit zur Erholung hast.
Vielleicht hast du gerne Kontakt mit Menschen, aber in viel kleinerem Umfang, sodass du in größeren Abständen immer nur einen oder wenige Leute um dich herum hast. Hier könnte eine beratende Tätigkeit im sozialen Bereich passend sein. Falls du mit anderen Menschen so wenig Berührungspunkte wie möglich haben möchtest, suche eine Arbeitsstelle, bei der du in einem Einzelbüro oder von zu Hause aus arbeiten kannst. Buchhaltung und Rechnungswesen könnten vielleicht eine gute Richtung für dich sein, aber auch bestimmte Bereiche in der IT-Branche haben wenig Menschenkontakt.

Da Autist*innen mehr Schwierigkeiten mit impliziter Sprache und Aufforderungen haben können (”Das müsste man mal machen”, “Da müsste man mal schauen”) als neurotypische Menschen, ist es je nach vorherrschender Arbeitskultur sinnvoll dies anzusprechen. Es gibt Arbeitsumfelder, die eine möglichst weiche Sprache bevorzugen um diplomatisch zu sein und niemanden zu verärgern.
Das kann bei Autist*innen aber zu Unsicherheit und Angst führen, da ein Stück weit unklar bleibt, was von wem erwartet wird oder ob das jährliche Mitarbeiter*innengespräch nun gut oder schlecht war. Ebenso kann es durch eine direkte Kommunikation (”Das war schlecht”, “Das können wir so nicht machen”) zu Irritationen seitens der neurotypischen Kolleg*innen kommen. Diese Missverständnisse sollten aufgeklärt werden um Unmut gegenüber den autistischen Mitarbeitenden zu vermeiden.

Zukunftsperspektiven mit einbeziehen

Bedenke auch welche Verdienstmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven dein Traumjob hat. Wir möchten dir ausdrücklich nicht davon abraten Künstler zu werden oder in einem Beruf zu arbeiten, der künftig stark durch KI beeinflusst oder sogar dadurch ersetzt werden könnte. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass es wichtig ist darauf zu achten diese Faktoren bei der Wahl zu beachten. Es gibt schließlich durch Ideenreichtum Möglichkeiten mit wenig Geld auszukommen oder sich berufliche Nischen zu suchen, die von KI wenig betroffen sind.

Nimmt dir die Arbeit mehr Energie, als du durch die Arbeit selbst oder in deiner Freizeit regenerieren kannst, wirst du früher oder später vor der Entscheidung stehen, wie es beruflich weitergehen soll. Es ist hierbei vollkommen in Ordnung, solltest du entscheiden, dass du etwas anderes ohnehin viel lieber machen möchtest und dann eine neue Richtung einschlägst. Beachte jedoch, dass Job- und Richtungswechsel in einem zu kurzen Abstand, alle paar Monate oder wenige Jahre, irgendwann zu Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt führen können, da die Vorgesetzten ungern jemanden einstellen, der oder die möglicherweise Schwierigkeiten macht (davon wird bei häufigen Stellenwechseln ausgegangen) oder nach kurzer Zeit schon wieder geht, da die Suche nach passenden Mitarbeitern auch Aufwand für eine Firma ist.

Mensch blickt mit Fernglas von einer Anhöhe auf das Meer hinaus.

Fazit

Du siehst, es gilt viele Punkte zu beachten und sich intensiv mit dir selbst zu beschäftigen. Es lohnt sich auf lange Sicht immens, da ein Mensch oft einen großen Teil seines Tages auf der Arbeit verbringt. Statistisch gesehen ist es für Autist*innen schwieriger eine Arbeitsstelle zu finden und zu behalten, dafür sind viele Autist*innen aber auch gut ausgebildet und können mit kleinen Anpassungen an die Arbeitsbedingungen hervorragende Arbeit leisten. Deshalb möchten wir dich ermutigen, Wege für dich und deine Bedürfnisse zu suchen, sodass du den Beruf ausüben kannst, den du dir ausgesucht hast und der zu dir passt.

Was hat dir geholfen deinen Beruf zu finden? Wir freuen uns auf Tipps, schreibe uns gerne eine E-Mail.

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