Was ist Gestalttherapie?
Die Gestalttherapie ist ein humanistisches Psychotherapieverfahren. Im Vergleich zu anderen Therapieformen, die heute gängig sind, orientiert sie sich weniger an festgelegten Normen und Krankheitsmodellen, die vorgeben, was als “krank” beziehungsweise “gesund” gilt. Sie legt großen Wert auf die Vielseitigkeit von Menschen und ihre persönlichen Vorstellungen darüber, wie sie mit sich selbst, mit anderen und mit ihrer Umwelt in Kontakt sein und sich weiterentwickeln möchten. Gestalttherapeutinnen wollen dieser Vielseitigkeit und Individualität gerecht werden. Deshalb folgt der Therapie-Prozess dem Grundsatz, dass Klientinnen die Expertise für sich selbst haben und die Therapierenden sie als mitfühlendes, authentisches Gegenüber begleiten und ihnen auf ihrem Weg zur Seite stehen.
Neue Wege zu entdecken (Bildsprache), kann ganz schön ungewohnt und aufregend sein. Deshalb lädt die Gestalttherapie nicht nur zu Gesprächen ein, sondern auch zu Experimenten. So kann im sicheren Rahmen zum Beispiel mit verschiedenen inneren Anteilen, Verhaltensweisen, Bewegungen, Gedanken, Gefühlen oder Einstellungen “gespielt” werden. Auf diese Weise können wir uns einerseits altbekannten Mustern und Phänomenen annähern. Andererseits können wir auch neue Möglichkeiten erforschen. Dabei werden möglichst viele Ebenen des Erlebens mit einbezogen: Etwa die gedankliche, emotionale, körperliche und auch zwischenmenschliche Ebene.
Die Gestalttherapie geht davon aus, dass das Zusammenspiel all dieser Bereiche wesentlich ist, um eine ganzheitliche Gestalt zu bilden. Genauer gesagt, die Gestalt, die einen Menschen ausmacht. Daher kommt der Name “Gestalttherapie”.
Was ist eine Gestalt?
Viele Menschen, die von Gestalttherapie hören, denken zunächst an Kunst- oder Ergotherapie. Sie denken an Gestaltung und kreativen Ausdruck. Doch das ist hier nicht gemeint.
Der Begriff stammt aus der Gestaltpsychologie. Diese Fachrichtung ist unter anderem bekannt für Bilder, auf denen unterschiedliche Figuren wahrgenommen werden können, je nach dem, was für uns in dem Moment im Vordergrund steht und was wir als Hintergrund empfinden. Ein populäres Beispiel ist ein Bild, auf dem man entweder zwei einander zugewandte Gesichter sieht oder eine Vase. Ein anderes zeigt eine Abbildung, auf der entweder eine junge oder eine alte Frau zu erkennen ist. Diese Bilder verdeutlichen im Sinne der Gestaltpsychologie, dass wir Menschen mit unserer Wahrnehmung versuchen, sinnvolle Einheiten (Gestalten) zu bilden. Und das gilt nicht nur für Abbildungen, sondern auch für das Leben. Aus allem, was wir erleben, können wir Gestalten bilden – aus jeder Erfahrung, Begegnung oder Erinnerung.
Die Gestalttherapie geht davon aus, dass wir vor Herausforderungen stehen, wenn wir uns nicht als Ganzes wahrnehmen, sondern nur Teile von uns bewusst (er-)leben. Deshalb ist das Ziel der Gestalttherapie, dass sich Menschen auch den unbewussten, verdrängten oder maskierten Teilen zuwenden, sie kennenlernen, akzeptieren und annehmen, sodass sie zum Gesamtkunstwert dazu kommen können und eine neue Fort der Ganzheit entsteht.
Was hat es mit der Körperorientierung auf sich?
Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verbunden und bringen unterschiedliche Ausdrucksformen mit sich. Aus diesem Grund ist es oft hilfreich, sich nicht nur Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen zuzuwenden, sondern gleichermaßen den Körper einzubeziehen. Wenn wir üben, die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper wahrzunehmen, können wir wertvolle Hinweise entdecken, zum Beispiel über Grenzen, Bedürfnisse oder Bewegungen, die einfach guttun und helfen, zur Ruhe zu kommen.
Körperorientierte Psychotherapieformen legen großen Wert auf die Körperwahrnehmung. Sie folgen dem Grundsatz: Wenn ein Mensch mit dem eigenen Körper arbeitet, ihn erlebt und sich der Vorgänge bewusster wird, entsteht ein neues Verhältnis zu sich selbst. Diese neue Art des (Körper-) Selbst-Bewusstseins kann dabei helfen, mit inneren Blockaden und Stress-Situationen umzugehen und neue Energie zu schöpfen.
Unsere Körper sprechen permanent mit uns. In körperorientierten Therapieformen üben wir zuzuhören.
Warum eignen sich Körper- und Gestalttherapie im Umgang mit Neurodivergenz, insbesondere Autismus und Trauma?
Viele autistische (und andere neurodivergente) Menschen machen die Erfahrung, dass sie mit standardisierten Therapieverfahren nicht die Veränderungen herbeiführen, die sie sich wünschen. So wiederholt sich in der Therapie, was sie auch aus anderen Lebensbereichen kennen: Dass sie vom “Standard” abweichen und sich “anders” fühlen und verhalten, als es von ihnen erwartet wird. Das kann sehr schmerzhaft sein und Gefühle, wie Hilflosigkeit und Einsamkeit auslösen.
Eine verbreitetes Zitat in der Autismus-Community ist: “Kennst du einen Autisten, kennst du EINEN Autisten”. In meiner Ausbildung zur Gestalttherapeutin ist mir ein ähnliche Aussage mehrfach begegnet, und zwar: “Es gilt so viele Gestalttherapien, wie es Gestalttherapeutinnen gibt.” Diese beide Aussagen geben einen interessanten Hinweis darauf, warum Gestalttherapie und Autismus bzw. Neurodivergenz gut zusammen passen können: Es geht nicht um Normen und Standards, um richtig oder falsch, sondern um die beiden Menschen, die sich für den therapeutischen Prozess zusammentun. Alle haben eine eigene Erfahrung und die Expertise zur eigenen Geschichte. In der Therapie begegnen sich zwei Menschen mit zwei verschiedenen, eigenen Wirklichkeiten. Gestalttherapeutinnen stimmen sich mit Offenheit, Interesse, Akzeptanz, Wertschätzung und Mitgefühl auf ihr Gegenüber ein. Um Stück für Stück mehr darüber zu verstehen, wie dieser einzigartige Mensch die Welt erlebt und den Kontakt zu sich selbst, zu anderen und zur Welt gestaltet.
Viele neurodivergente Menschen tragen tiefe Wunden und Narben (Bildsprache) mit sich herum – durch möglicherweise traumatische Erfahrungen, wie Mobbing, Ausgrenzung oder missbräuchliche Beziehungen, die von verschiedenen Formen von Gewalt geprägt sein können. Darunter emotionale, körperliche, sexualisierte, medizinische oder strukturelle Gewalt. Auch stark überfordernde und Hilflosigkeit auslösende Sinneseindrücke oder Situationen, die für andere augenscheinlich “normal” und nicht bedrohlich sind, können als Form von Gewalt durch die Umwelt empfunden werden. Viele verknüpfen ihre gefühlte und von anderen gespiegelte Andersartigkeit daher auch mit schmerzhaften Erfahrungen, was häufig zu Rückzug oder Masking beiträgt. Gestalttherapie lädt dazu ein, sich der eigenen Muster, Masken und Schwierigkeiten im Kontakt bewusster zu werden und mit ihnen zu experimentieren, um wieder mehr Authentizität und Lebendigkeit ins eigene Leben zu bringen.
Ein weiterer Satz, der mir im Gestalt-Kontext immer wieder in verschiedenen Varianten begegnet ist, lautet: “Verletzungen, die im Kontakt entstanden sind, brauchen Kontakt, um zu heilen.” Auch aus diesem Grund spielt die Beziehung zwischen Klient*in und Therapeut*in eine wesentliche Rolle. Sie bietet die Möglichkeit, die eigene Art und Weise, in Kontakt zu gehen, im Hier und Jetzt zu erkennen und bei Bedarf weiter zu entwickeln. Etwa, um das eigene Repertoire zu erweitern und neue Möglichkeiten zu entdecken, mit Herausforderungen auf eine Weise umzugehen, die zur eigenen Lebendigkeit und Authentizität passt.
Für diesen Prozess ist all das interessant, was für die Klient*innen gerade im Vordergrund steht. Ganz gleich, ob es um ihre besonderen Interessen, Talente und Fähigkeiten geht, um Sehnsüchte, Bedürfnisse und Wünsche, um alltägliche Herausforderungen oder um schmerzhafte Erinnerungen, die im Innern auch nach langer Zeit noch präsent sind und sich -bewusst oder unbewusst – auf das Leben im Hier und Jetzt auswirken.
Quellen und ergänzende Literatur
- Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie e.V. Was ist Gestalttherapie?
- Jordan Bonnici. (2024). Gestalt Therapy and Autism: A Possible Symbiotic Relationship.
- Antonio Narzisi. (2023). To Be or Not to Be Autistic – Form the Camouflage Effect to Élan Vital – A Gestalt Perspetive. In: Psychopathology of the Situation in Gestalt Therapy. A Field-oriented Approach.
- Alexander Lowen (1979). Bioenergetik. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Neuausgabe Juni 2008